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Als ich mich vor etwas mehr als zehn Jahren auf die Höhere Fachprüfung vorbereitete, wurde in unserem Vorbereitungskurs intensiv darüber diskutiert, worin eigentlich der Unterschied zwischen Ressourcen und Resilienz besteht.
Die Antwort lässt sich überraschend einfach zusammenfassen:
Ressourcen helfen uns, unsere Resilienz aufzubauen und zu erhalten.
Oder alltagsnäher formuliert: Alles, was uns gut tut, unterstützt uns dabei, die Herausforderungen des Lebens besser zu bewältigen.
Meine tägliche Meditationspraxis ist dafür ein gutes Beispiel. Sie nimmt mir die Schwierigkeiten des Lebens nicht ab. Aber sie hilft mir, mit inneren und äusseren Turbulenzen anders umzugehen.
Resilienz wird häufig mit Widerstandskraft übersetzt. Ich stelle sie mir gerne als ein Gefäss vor.
Ist ein Gefäss klein und schmal, läuft es rasch über, sobald Flüssigkeit hineingeschüttet wird. Ist es dagegen gross und weit, verteilt sich dieselbe Menge Flüssigkeit auf viel mehr Raum. Was zuvor zum Überlaufen geführt hätte, ist nun kaum mehr als eine kleine Pfütze.
Ähnlich verhält es sich mit unserer psychischen Widerstandskraft.
Waren wir über längere Zeit einer Belastung ausgesetzt, kennen wohl die meisten von uns dieses Gefühl: Wir werden dünnhäutiger, reagieren gereizter oder gestresster auf Dinge, die uns sonst kaum aus der Ruhe bringen würden. Unser Gefäss ist bereits gut gefüllt – die Resilienz ist vorübergehend erschöpft.
Jeder Mensch verfügt über eine unterschiedliche Grundanlage an Resilienz. Diese entsteht nicht zufällig, sondern entwickelt sich durch unsere Lebensgeschichte.
Wer in seiner Biografie Vertrauen erleben durfte, entwickelt oft mehr Selbstvertrauen, ein stärkeres Gefühl von Selbstwirksamkeit oder mehr Sicherheit in Beziehungen. Diese Eigenschaften gehören zu den sogenannten internalen Resilienzfaktoren.
Ebenso wichtig sind die externalen Resilienzfaktoren: stabile Beziehungen, ein unterstützendes soziales Umfeld, eine erfüllende Arbeit oder ein Gefühl von Sicherheit im Alltag.
Gerade in den ersten Lebensjahren können wir diese Faktoren kaum beeinflussen. Unsere Bezugspersonen und unser Umfeld prägen wesentlich mit, wie gross unser inneres Gefäss zunächst wird.
Die gute Nachricht lautet jedoch: Resilienz ist keine feste Eigenschaft.
Immer dann, wenn wir Herausforderungen bewältigen und neue Erfahrungen sammeln, erweitert sich unsere innere Erfahrungsbibliothek.
Wir beginnen, unsere Fähigkeiten bewusster wahrzunehmen. Wir erkennen, dass wir heute über andere Möglichkeiten verfügen als früher. Mit jeder gemeisterten Situation wächst das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.
Ein Beispiel aus dem Berufsalltag:
Erlebe ich in meinem Arbeitsumfeld Wertschätzung und eine Kultur, in der Fehler erlaubt sind, stärkt das mein Sicherheitsgefühl. Passiert mir erneut ein Fehler, kann ich die damit verbundenen unangenehmen Gefühle besser aushalten. Ich gerate weniger schnell in Überforderung.
Mein Gefäss ist ein Stück grösser geworden.
Dabei beeinflussen sich innere und äussere Resilienzfaktoren gegenseitig. Mehr Selbstvertrauen führt oft dazu, dass wir leichter auf andere Menschen zugehen, neue Aufgaben annehmen oder uns in Beziehungen sicherer bewegen. Dadurch entstehen wiederum neue stärkende Erfahrungen.
Neben den Resilienzfaktoren spielen unsere Ressourcen eine zentrale Rolle.
Ressourcen sind all jene Dinge, die uns helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Das können Bewegung, Meditation, Musik, Natur, Gespräche mit vertrauten Menschen oder therapeutische Begleitung sein.
Sind wir uns einer Belastung bewusst und nutzen aktiv eine Ressource, beginnt der innere Spannungspegel wieder zu sinken. In unserem Bild vom Gefäss bedeutet das: Der Flüssigkeitsstand nimmt wieder ab.
Resilienz entsteht deshalb nicht allein dadurch, dass unser Gefäss grösser wird. Sie entsteht ebenso dadurch, dass wir immer besser lernen, unser Gefäss regelmässig zu entlasten.
Für meinen Podcast durfte ich mit fünf Therapeutinnen und Therapeuten aus unterschiedlichen Methoden der Komplementärtherapie über Resilienz sprechen.
Obwohl die Zugänge verschieden waren, zeigte sich eine gemeinsame Essenz.
Im therapeutischen Prozess geht es letztlich darum, unseren Zustand verändern zu können.
Wir bewegen uns von einem Bewusstseinszustand, in dem wir eine Situation als überwältigend, belastend oder einengend erleben, zurück in einen Zustand, in dem wir wieder handlungsfähig, beziehungsfähig und genussfähig werden.
Die Herausforderung mag dabei dieselbe geblieben sein.
Doch wir erleben wieder Wahlmöglichkeiten.
Wir können unser Dasein erneut aktiv gestalten.
Genau dieser bewusst erlebte Weg – von der Grenze des Aushaltbaren zurück in einen regulierten Zustand – erweitert Schritt für Schritt unsere Komfortzone. Nicht weil das Leben einfacher wird, sondern weil unser Vertrauen in die eigene Fähigkeit wächst, schwierige Zustände zu bewältigen.
Im therapeutischen Prozess geschieht noch etwas Entscheidendes.
Viele belastende Erfahrungen stammen aus Zeiten, in denen wir uns allein, ausgeliefert oder unverstanden fühlten. Heute befinden wir uns in einer anderen Situation.
Wir verfügen über mehr Möglichkeiten.
Vor allem aber sind wir nicht mehr allein.
Wir werden achtsam begleitet, gesehen und wertschätzend unterstützt.
Bereits 1949 formulierte der Neuropsychologe Donald Hebb den berühmten Satz:
"Cells that fire together, wire together."
Wenn unterschiedliche neuronale Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden, entstehen neue Verbindungen.
Übertragen auf die Therapie bedeutet das: Wenn wir eine alte belastende Erfahrung spüren und uns gleichzeitig sicher, angenommen und getragen fühlen, kann das Gehirn neue Wege anlegen. Alte Erfahrungen werden nicht gelöscht, aber sie erhalten eine neue Bedeutung.
Die vielleicht berührendste Erkenntnis aus meinen Gesprächen mit meinen Kolleginnen und Kollegen ist diese:
Resilienz ist kein Ziel, das wir irgendwann erreichen.
Sie ist ein Weg.
Ein Weg zurück zu dem Menschen, der wir im Kern bereits sind.
Therapie bedeutet deshalb nicht, jemand anderes zu werden. Sie hilft uns vielmehr, das Vertrauen wiederzufinden, dass wir Herausforderungen begegnen können – mit mehr Bewusstheit, mehr Freiheit und mehr Verbundenheit mit uns selbst.